Modell Tallinn

Wir sind berühmt!

siehe: Artikel aus dem HHer Abendblatt vom 3.4.12

ÖFFENTLICHER NAHVERKEHR
Tallinner fahren gratis Bus – ein Modell für Hamburg?

Als erste EU-Hauptstadt führt Tallinn ab 2013 kostenlosen ÖPNV ein. Lässt sich das Konzept übertragen? Abendblatt.de hat nachgefragt.
Sie kommen in den Genuss dessen, worum die Hamburger Initiative „HVV umsonst“ seit über einem Jahr kämpft: Die Einwohner Tallinns fahren ab 2013 in allen Fahrzeugen des Öffentlichen Personennahverkehrs kostenlos. Die estnische Hauptstadt nimmt damit eine Vorreiterrolle in der EU ein.

Die Gratisbeförderung ist das Ergebnis einer einwöchigen Bürgerbefragung unter gut einem Fünftel der Tallinner: Über 75 Prozent befürworteten die Initiative der Stadtverwaltung. Auch in Hamburg ist die Idee vom kostenlosen ÖPNV in der Vergangenheit mehrfach aufgegriffen worden. „Das Thema wurde immer wieder diskutiert, auch jetzt“, sagt Gisela Becker, Sprecherin der Hamburger Verkehrs-Verbunds HVV. „Aber Hamburg lässt sich nicht mit Tallinn vergleichen. Das Konzept kommt für uns nicht infrage.“

Tallinn sei mit knapp über 400.000 Einwohnern wesentlich kleiner als Hamburg. Deshalb müsste die Stadt nur auf 20 Millionen Euro EInnahmen pro Jahr verzichten, „in Hamburg wären es 600 Millionen“, sagt Becker. Um das entstehende Haushaltsloch zu stopfen, möchte Tallinn die öffentlichen Verkehrsbetriebe umstrukturieren. Becker: „Das wollen und können wir nicht. Unser Ziel ist es, qualitativ hochwertigen ÖPNV anzubieten. Und wir haben die Erfahrung gemacht: Was nichts kostet, ist nichts wert.“

„Belastung der Ressourcen“

Ein gravierender Unterschied zwischen Hamburg und Tallinn sei außerdem, dass die Esten den ÖPNV bislang kaum nutzten. „In Hamburg steigen die Zahlen hingegen an“, sagt Becker. Sie führt zudem einen ökologischen Gedanken an: Wenn etwas kostenlos wäre, würde weniger über dessen Konsum nachgedacht. „Natürlich würden mehr Menschen Bus fahren, wenn es gratis ist. Und das belastet die Ressourcen“, sagt sie.

Der Tallinner Bürgermeister Edgar Savisaar ist derweil stolz auf das Resultat der Befragung: „Tallinn ist eine innovative Stadt. Wir sind die erste Hauptstadt, die einen solch umfassenden Schritt vollzieht“, sagte er. Mit den Freifahrten in Bussen, Trolleybussen und Straßenbahnen sollen die im Berufsverkehr häufig verstopften Straßen entlastet werden. Auch einkommensschwache Familien sollen profitieren. „Das wäre auch hier in Hamburg ein Ansatz. Von einer kostenlosen Beförderung würden aber auch die profitieren, die es sich eigentlich leisten können“, sagt Gisela Becker.

Die Initiative „HVV umsonst“ hat übrigens für den 1. Mai zu einem ticketfreien Protesttag aufgerufen. Sie wehrt sich nach eigenen Worten „gegen die unsoziale und umweltfeindliche Verkehrspolitik der ,Umwelthauptstadt‘ Hamburg“ und fordert stattdessen „freien, öffentlich finanzierten ÖPNV“.

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